Ipse feci – Ich hab es getan

© Wilfried von Tresckow


I.
Vorangestellt sei eine kurze Ausführung zum Widerstand im Dritten Reich und seiner Bedeutung für die Gesellschaft unserer Bundesrepublik. In Albrecht Haushofers (Bild rechts) „Moabiter Sonetten“, entstanden kurz vor seiner Ermordung am 23. April 1945, heißt es: „Ich trage leicht an dem, was das Gericht mir Schuld benennen wird: an Plan und Sorgen. Verbrecher wär’ ich, hätt’ ich für das Morgen des Volkes nicht geplant aus eigner Pflicht. Doch schuldig bin ich anders als ihr denkt, ich musste früher meine Pflicht erkennen – ich musste schärfer Unheil Unheil nennen – mein Urteil hab ich viel zu lang gelenkt.

Ich klage mich in meinem Herzen an – ich habe mein Gewissen lang betrogen, ich hab´ mich selbst und andere belogen – ich kannte früh des ganzen Jammers Bahn. Ich hab´ gewarnt – nicht hart genug und klar! Und heute weiß ich, was ich schuldig war!“

 

Es ist mittlerweile nach durchaus schwierigem Anlauf – unter anderem dank der Bemühungen des Generalstaatsanwaltes Fritz Bauer (Bild links) im Remerprozess – eine gute demokratische Tradition geworden, vorurteilsfrei jener deutschen Patrioten zu gedenken, von denen über 5000 aufgrund ihres Widerstands ermordet wurden. Die Frauen und Männer des Widerstandes gegen Unrecht und Staatswillkür, gegen Menschenverbrechen sowie gegen Terror und Unterdrückung, vielfältig, zerstreut, aus unterschiedlichen Lagern, Schichten und Berufen, einzeln oder in Gruppen zersplittert und durchaus auch widersprüchlich in ihren Zielen und meist einsam in ihren Entscheidungen, unsere pluralistische Gesellschaft geradezu vorwegnehmend – ihrer gilt es immer wieder zu gedenken. Sie ermöglichten Deutschland die Hoffnung, in einer besseren Welt weiterleben zu können, ohne dass die Zukunft im Trümmerfeld zermalmt würde. Zu Recht wird man die Widerstandskämpfer – trotz ihrer anfänglichen Nähe oder gar Billigung des Dritten Reichs und somit umstrittenen Bewertung – zu den Gründervätern unserer Republik zu zählen haben. Haushofers zitiertes Sonett „Schuld“ macht deutlich, wie unendlich schwierig es gewesen sein muss, in dem begrenzten Spielraum unter einem totalitären und allgegenwärtigen Terrorregime und Überwachungsstaat überhaupt ein funktionierendes wie kontinuierlich arbeitendes Netzwerk des Widerstandes hervorzubringen, zu pflegen, es schließlich zu handelnder Tat zu bewegen. Und Unterlassen wie Nichthandeln bedeutet eben auch – und damit ist der Schlüsselbegriff gegeben: Handeln, die Tat. Es brauchte – um es umgangssprachlich auszudrücken – Macher.

 

II.
Die Entwicklung dahin war ein langer Prozess, in dem politische, religiöse oder ethische Überzeugungen der Widerständler heranreiften, die ab einem gewissen Punkt immer schwerer mit dem Referenzrahmen eines gleichgeschalteten Nationalsozialismus in Übereinstimmung zu bringen waren. Prof. Peter Steinbach, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, spricht von vier Schritten solcher „Menschen, die ihrem Gewissen folgen, obwohl sie Angst haben,….. ‚Ich denke, es sind Menschen, die eine ganz große Fähigkeit zur Wahrnehmung gesellschaftlicher und politischer Fehlentwicklungen haben. Das ist der erste Schritt. Der zweite Schritt ist: sie müssen sich über Fehlentwicklungen erregen können, empören können. Und der dritte Schritt: sie dürfen es nicht bei dieser Empörung belassen, sondern sie müssen die Fähigkeit entwickeln zu handeln……Und wenn sie diese Schritte absolviert haben, dann müssen sie die Entscheidung fällen, ob sie die Konsequenzen aus Wahrnehmung, Empörung und Handeln im Hinblick auf die eigene Person und auf die Menschen, die ihnen viel bedeuten – die Kinder, die Frauen, die Angehörigen – ob sie diese Entscheidung zu tragen bereit sind. Und wenn sie diese vier Punkte bewältigt haben, dann haben sie eine gute Chance, dem Gegner entgegenzutreten. Und sie müssen das tun, obwohl sie genau wissen, dass sie scheitern werden. Also es gehört auch eine Energie dazu, die sich nicht auf den Erfolg konzentriert, sondern die sich in dem Wunsch bündelt, dem Gegner die Wahrheit zu sagen, weil man als Regimegegner – und das hat mal Vaclav Havel gesagt – weil man eben in der Wahrheit leben will’“.


Aber – „Wo ist der Punkt der Umkehr, was hat die Menschen dazu befähigt, Ziele zu überwinden, die sie zuvor vielleicht mit dem verbrecherischen Regime geteilt haben, was macht sie – um es mit Bonhoeffer zu formulieren – ‚brauchbar’, sich für Mitmenschlichkeit und Rechtsstaatlichkeit einzusetzen, ihr Leben zu riskieren? Fragen, die aktuell bleiben. Zivilcourage zeigen, würde man es heute nennen.“

 

III.
„Die dramatischen Ereignisse des 20. Juli sind zu bekannt, als daß sie hier noch einmal ausführlich nacherzählt oder analysiert werden müssten. Das Faktum war das Scheitern des Attentats, das alle anderen Entwicklungen dieses Schicksalstages bestimmen sollte.“
Zu diesen Entwicklungen gehört Stauffenbergs außerplanmäßig verspätetes Eintreffen im Bendlerblock nachdem er vormittags die Bombe in der Wolfschanze abgesetzt hatte. Wichtige Zeit war verstrichen, die Verwirrung im Allgemeinen Heeresamt groß, weil durchgesickert war, dass Hitler den Anschlag über-lebt hatte.

„Um 17 Uhr ging Olbricht (Bild rechts) zu Fromm (Bild rechts unten) , um ihn noch einmal zu stellen, unterstützt diesmal von Stauffenberg, als Fromms Chef des Stabes. Triumphierend teilte Olbricht dem BEFEHLSHABER des Ersatzheeres…..mit, Stauffenberg sei tatsächlich Augenzeuge der Explosion gewesen und wisse mit Bestimmtheit, dass Hitler tot sei. ‚Das ist doch unmöglich’, sagte Fromm zu Stauffenberg, ‚Keitel hat mir das Gegenteil versichert.’ ‚Der Feldmarschall Keitel lügt wie immer’, antwortete Stauffenberg ungehalten. ‚Ich habe selbst gesehen, wie Hitler tot aus der Baracke getragen wurde.’ ‚Angesichts der Lage haben wir den Alarmbefehl für den Fall innerer Unruhen [Walküre, d.A.] an die stellvertretenden Generalkommandos gegeben’, setzte Olbricht hinzu.

Daraufhin sprang Fromm wütend auf. Er schlug mit der Faust auf den Tisch und schrie: ‚Das ist glatter Ungehorsam!’ ‚Was heißt “Wir” ? Wer hat den Befehl gegeben?’ ‚Mein Chef des Stabes, Oberst Mertz von Quirnheim.’ ‚Holen Sie sofort Oberst Mertz!’.

 
 
Stauffenberg und Mertz im Hof des Bendlerblocks 1944 (Abb. links)

 

Mertz von Quirnheim gab sofort zu, dass er den Alarmbefehl ausgegeben habe.“ Eine Chance war ja bereits eine Woche früher vertan worden: „Als am 15. Juli von Generaloberst Beck und General Olbricht die Ausführung des Attentats untersagt wurde, weil Himmler nicht an der Besprechung im Führerhauptquartier teilnahm, war es M., der Stauffenberg zur Durchführung drängte, da er alle Vorbereitungen für die Herausgabe der Befehle getroffen hatte.“

 
 

IV.
Ist es deshalb nicht eigentlich erstaunlich, dass über Mertz Stauffenberg und Mertz im Hof des Bendlerblocks 1944 von Quirnheim in der einschlägigen Literatur nur recht wenig zu finden ist?
Sein Drängen gegenüber den Zauderern, sein Mut, im Ungehorsam „Walküre“ ausgelöst zu haben, sein konsequentes Einstehen bei General Fromm „ICH HABE ES GETAN“ heben Mertz von Quirnheim in die erste Reihe des militärischen Widerstands. Der spätere Generalinspekteur der Bundeswehr, Ulrich de Maizière, damals Generalstabsoffizier beschrieb ihn so: „Mertz von Quirnheim war mein direkter Vorgesetzter. Er war sehr intelligent und ungewöhnlich rasch in der Auffassungsgabe. Er führte am langen Zügel und ließ den Mitarbeitern viel Freiheit. Er war auch sehr selbstkritisch. Gegenüber Vorgesetzten war er unbekümmert, bis hin zur Frechheit. Dies zeigten sein selbständiges Denken und seine Unabhängigkeit. Wenn er eine Schwäche hatte, war es, dass er Wärme weniger zeigte – im Gegensatz zu seinem Freund Stauffenberg.“ Die Einsamkeit des Soldaten als Führungskraft bei unteilbarer Verantwortung braucht Zivilcourage. Deren Anwendung forderte von Mertz von Quirnheim schier Unbeschreibliches an Mut und Entschlossenheit zur Tat. Die Einflechtung seines Namens in den dieser Loge fand sehr viel Sympathie unter den Brüdern, die im Angedenken an ihn die Gründung der Feld- und Militärloge „Albrecht Ritter Mertz von Qirnheim i. Or. Augsburg“ betrieben haben.

 

V.
Sind die Verschwörer des 20. Juli gescheitert, die das Unmögliche versuchten? – Ja und nein.
Die Antwort auf die Frage, ob die Wenigen gescheitert sind, entscheidet sich an der Haltung späterer Generationen zu ihrem Attentatsversuch. Es entscheidet sich auch an deren Interesse und Respekt für die mutigen Akteure, die es doch gewagt hatten, den Verbrechern unter Einsatz ihres Lebens zu widerstehen. Nicht gelungen ist es, den Diktator und seine Getreuen zu beseitigen, das weitere Morden zu verhindern und den Krieg so zu beenden, dass mit der schnellen unausweichlichen Niederlage doch noch Millionen von Menschen hätten gerettet werden können – in den Vernichtungslagern, an den Fronten, auf der Flucht und in den Bombenkriegen. Von daher ist dieses Ziel des Umsturzes gescheitert. Und doch ist eins gelungen: Ein neues, ein differenzierteres Verständnis von Widerstand und seiner Notwendigkeit zu schaffen. Das Verhalten der Soldaten im militärischen Widerstand lehrt uns, dass sich soldatischer Gehorsam nicht nur an der Angemessenheit militärischen Verhaltens auszuweisen hat. Nein, es gibt höhere Normen und Verpflichtungen, die dem soldatischen Gehorsam Maß setzen: die Prinzipien der Menschenrechte und des Völkerrechts, schließlich das Gewissen als moralische Instanz, frei übrigens von politischer Gebundenheit.
Wenn das die Ableitungen aus den vielschichtigen Motiven des Widerstands sein können, dann gilt auch die zuversichtliche Folgerung, dass der Aufstand – oft auch Aufstand des Gewissens genannt – nicht vergebens war. Die Erinnerung an ihn hat viele Gründungsväter der Bundesrepublik Deutschland und dann auch jene ihrer neuen Streitkräfte bewegt. Deshalb ist gerade aus Sicht der Bundes-wehr das Gedenken an den Widerstand mehr als die jährlich verordnete Erinnerung an ein historisches Ereignis.

 

VI.
Abschließend gilt es, hinsichtlich des häufig missverständichen Gebrauchs etwas zum Widerstandsrecht festzustellen.
Das klassische griechich-römische Widerstandsrecht, welches Eike von Repgow um 1225 bei Eidbruch des Eidnehmers – des Herrschers also – als Widerstandspflicht bezeichnet hat, wurde im Verlauf der Geschichte ausgehöhlt: Das preußische Staats-recht des 19. Jahrhunderts enthielt den Widerstandsbegriff gar nicht mehr.

So ist der Art. 20, Abs. 4 unseres Grundgesetztes, der – wenn auch aus anderen Beweggründen 1968 – ein Widerstandsrecht einsetzt gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, eine Errungenschaft des Widerstands im Dritten Reich. Damit gilt im Verständnis des Staatsgefüges dieses Widerstandsrecht sogar als den Staat stabilisierend. In Abgrenzung dazu hat das aber nichts mit dem „zivilen Ungehorsam“ zu tun, denn aktiver Widerstand in einer freiheitlichen Ordnung ist Terrorismus. Hier gilt im wahrsten Sinne des Wortes: vigilia pretium libertatis – Wachsamkeit ist der Preis der Freiheit.
Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim 1905-1944,(rechts mit Sohn Peter um 1943) Kurzbiographie:

1905: 25. März: Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim wird als Sohn des Hauptmanns im bayerischen Generalstab Hermann Ritter Mertz von Quirnheim in München geboren.

1919: Übersiedlung der Familie nach Potsdam, da sein Vater die Leitung des Reichsarchivs übernimmt. Über Verbindungen seines Vaters lernt er die Familie von Haeften kennen. Er befreundet sich mit den Brüdern Werner von Haeften (links) Hans-Bernd von Haeften (1905-1944), die sich später ebenfalls im Widerstand gegen das NS-Regime engagieren.

1923: Nach dem Abitur tritt Mertz von Quirnheim in Landshut in das Infantrieregiment 19 der Reichswehr ein.

1925: beginnt seine Freundschaft mit Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der seine militärische Ausbildung in Bamberg beim Reiterregiment 17 absolviert.

1933: Mertz von Quirnheim begrüßt zunächst die Machtübernahme der Nationalsozialisten. Als entschiedener Gegner
des Versailler Vertrags verspricht er sich von der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) die
Wiederherstellung der militärischen Macht des Deutschen Reichs.

1936-1938: Gemeinsam mit Stauffenberg absolviert Mertz von Quirnheim die zweijährige Ausbildung zum Generalstabsoffizier an der Kriegsakademie in Berlin.

1939: Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wird Mertz von Quirnheim als Stabsoffizier in der Organisationsabteilung des Generalstabs eingesetzt.

1941: Er tritt für eine humanere Behandlung der Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten ein und gerät mit Alfred Rosenberg,dem Reichsminister für die besetzten Ostgebiete, und mit Erich Koch (1896-1986), dem Reichskommissar für
die Ukraine, in Konflikt.

ab 1942: Bei Heimaturlauben in Berlin tauscht sich Mertz von Quirnheim mit seinem Schwager Wilhelm Dieckmann (1893-1944) aus, der bereits seit 1935 Widerstand gegen das NS-Regime leistet und Mitglied der Bekennenden Kirche ist.

1942: Beförderung zum Oberstleutnant.
November: Mertz von Quirnheim wird Stabschef des 24. Armeekorps an der Ostfront

1943 (?): Heirat mit Hilde Baier. Mertz von Quirnheim entschließt sich zur Unterstützung des von einer Offiziersgruppe geplanten Attentats auf Adolf Hitler. Er ist gemeinsam mit Friedrich Olbricht und Stauffenberg an der Erarbeitung des Operationsplans “Walküre” beteiligt. Dieser Plan soll eigentlich den Einsatz des Militärs im Falle eines Fremdarbeiteraufstands oder einer Landung der Alliierten koordinieren. Die Verschwörer überarbeiten “Walküre” für die Übernahme der militärischen Macht nach einem Attentat auf Hitler.

1944: Juni: Mertz von Quirnheim wird Nachfolger Stauffenbergs in der Leitung des Stabs des Allgemeinen Heeresamts in Berlin. Er erfährt von der Beteiligung seines Schwagers Otto Korfes (1889-1964) an der Gründung des Bundes Deutscher Offiziere (BDO). Deutsche Spitzenmilitärs in sowjetischer Kriegsgefangenschaft erklären sich im BDO zum Widerstand gegen Hitler bereit. Zuvor hatte ihnen die Sowjetunion zugesichert, bei Kriegsende Deutschland in den Grenzen von 1937 zu belassen.

17. Juli: Mertz von Quirnheim unterrichtet Dieckmann von dem geplanten Attentat am 20. Juli.

20. Juli: Mertz von Quirnheims löst im Berliner Bendlerblock die “Operation Walküre” aus. Die militärischen Befehlshabererhalten die Anweisungen der Verschwörer und die Nachricht von Hitlers Überleben nahezu gleichzeitig. Sie verhalten sich daher abwartend. Regimetreue Offiziere überwältigen Mertz von Quirnheim, Stauffenberg, Olbricht, Haeften, Ludwig Beck und Erich Hoepner.

20./21. Juli: In der Nacht werden Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim, Claus Graf Schenk von Stauffenberg, Werner
von Haeften und Friedrich Olbricht erschossen. Nachdem die Leichen der Erschossenen in Uniform bestattet wurden, befiehlt Heinrich Himmler deren Exhumierung und Verbrennung. Die Asche wird über die Felder verstreut. Wenige Tage später werden die Eltern Mertz von Quirnheims und eine seiner Schwestern von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) verhaftet.

13. September: Dieckmann, der Schwager Mertz von Quirnheims, wird in Berlin nach seiner Verurteilung durch den Volksgerichtshof hingerichtet.

© Deutsches Historisches Museum, Berlin

Gedenkstein an der Ostseite der Kirche St.Georg in München-Bogenhausen